Geoökologie

Vegetationskundliche und paläoökologische Untersuchungen im Sommerpolder auf Langeoog.

Jan Barkowski, Dr. Holger Freund (ICBM)

Alle Ostfriesischen Inseln sind auf der Wattseite in typischerweise durch ihre mehr oder weniger ausgedehnten Salzwiesen gekennzeichnet. Diese werden und wurden seit der Besiedlung der Inseln durch den Menschen vor allem als Weidegrund genutzt. Durch die Anlage von Grüppen und Lahnungen zur Entwässerung bzw. Landgewinnung veränderte sich das Bild der Salzwiesen, die natürliche Überflutungs-dynamik blieb jedoch bestehen. Um das Weidevieh vor den Sommersturmfluten zu schützen, wurden schließlich auf einigen Inseln Teilbereiche der Salzwiesen durch relativ flache, sogenannte Sommerdeiche eingefasst. Auf Langeoog wurde in den Jahren 1934/35 ein ca. 5,5 km langer Sommerdeich (Abb. 1 grüne Linie) errichtet, der einen Salzwiesenbereich von ca. 218 ha umschließt (Abb. 1).

Deichlinie Sommerpolder
Abb. 1: Alte und neue Deichlinie im Bereich des Langeooger Sommerpolders (aus Steffens 2003)

Durch die Errichtung dieses Sommerdeiches veränderte sich die natürliche Überflutungsdynamik und beeinflusste entscheidend das Artengefüge und die Vegetationsstruktur der Salzwiese. Die natürliche Vegetationszonierung, die normalerweise entlang eines abnehmenden Salinitätsgradienten vom Watt in die höhergelegenen Salzwiesenzonen verläuft, wurde aufgehoben. Arten bzw. Pflanzengesellschaften, die an das Leben im oberen Bereich der Salzwiese bestens angepasst sind, konnten so im Verlauf der Jahrzehnte ihren Lebensraum in Richtung Watt ausdehnen. Diese Veränderungen sind auf Langeoog durch ältere Vegeationskartierungen und Dauerquadratuntersuchungen dokumentiert.

Als Kompensation für Beeinträchtigungen im Naturhaushalt, die im Rahmen der Verlegung der Erdgasleitungen Europipe I und II entstanden, wurde beschlossen, den Sommerdeich auf Langeoog rückzubauen und im rückwärtigen Bereich der Salzwiese einen neuen Sommerdeich zu errichten (Abb. 1 rote Linie). Durch diese Maßnahme wird der alte Sommerpolder auf Langeoog wieder dem Einfluss normaler Tiden, Sturm- und Springtiden ausgesetzt. Zwei durchgeführte Diplomarbeiten verfolgten im Hinblick auf die Rückdeichungsmaßnahmen das Ziel, die Salzwiesenvegetation als Referenzkartierung vor der Rückdeichung auf Assoziationsniveau zu dokumentieren und in einem GIS abzulegen.

Rückgebautes Siel
Abb. 2: Rückgebautes Siel im Bereich des ehemaligen Sommerdeiches auf Langeoog (Foto J. Barkowski 2003)

Weiterhin wurden an einigen Stellen Bodenprofile entnommen und horizontiert auf ihren Gehalt an Pollen, Diasporen und Kieselalgen untersucht. Durch diese Untersuchungen sollte überprüft werden, ob es möglich ist, die durch die Vegetationskartierungen bekannten Verschiebungen im Bewuchs auch mit Hilfe paläoökologischer Methoden nachzuvollziehen. Weiterhin dienen die untersuchten Oberflächenproben als Referenz für den Bewuchs mit Kieselalgen vor der Rücknahme des Sommerdeiches, denn nicht nur innerhalb der Vegetationsdecke werden in den nächsten Jahren dynamische Prozesse ablaufen, sondern auch in der Komposition der Mikroalgenpopulationen werden einschneidende Veränderungen eintreten.

Bodenprofil Sommerpolder
Abb. 3: Entnahme eines Bodenprofils im Langeooger Sommerpolder (Foto H. Freund 2002). Deutlich heben sich in dunklen Farben die humosen Lagen des ehemaligen Salzwiesenbewuchses vom helleren Sanduntergrund ab

Als Ergebnis der Kartierung lässt sich verkürzt festhalten, das sich im westlichen Teil des Langeooger Sommerpolders seit dem Deichbau 1935/36 die Flächenanteile der unteren Salzwiese und der mittleren Salzwiese infolge der abnehmenden Überflutungsdynamik deutlich verringert haben. Die Flächenanteile der Bottenbinsenwiese (Juncetum gerardii) haben sich bei gleichzeitiger Ausbreitung von Einheiten der oberen Salzwiese zwar reduziert, die Bottenbinsengesellschaft ist aber auch heute die am häufigsten vorkommende Gesellschaft innerhalb der Salzwiesenvegetation. Die obere Salzwiese wird überwiegend von Beständen der Festuca rubra-Gesellschaft aufgebaut.

Veränderung_Salzwiesenzonen
Abb. 4: Veränderung der Salzwiesenzonen im Ostteil des Langeooger Sommerpolders von 1949 bis 2002 (Steffens 2003).

Im Ostteil des Untersuchungsgebietes war der Anteil der zur unteren Salzwiesenzone gehörenden Vegetationseinheiten, hier des Andelrasens (Puccinellietum maritimae), bereits vor dem Deichbau auf ein kleines Gebiet im Bereich des großen Priels beschränkt (Abb. 4 dunkelgrüne Fläche). Die übrige Salzwiese wurde von Beständen der Bottenbinsenwiese (Juncetum gerardii) dominiert. Eine deutliche Zunahme von Beständen der oberen Salzwiese (insbesondere des Atriplici-Agropyretum pungentis) auf Kosten des Flächenanteils der mittleren und unteren Salzwiesenvegetation seit dem Bau des Deiches ist sowohl durch den abnehmenden Salzwassereinfluss nach Eindeichung als auch lokal durch Beweidungsaufgabe begründet.

Aus den paläoökologischen Untersuchungen (Pollen-, Makrorest- und Diatomeenanalyse) sowie Dauerquadrat-untersuchungen der Jahre 1936, 1948 und 2000 geht hervor, dass sich vor allem im Bereich des westlichen Sommerpolders der Bau des Sommerdeiches unmittelbar auf die Vegetationsentwicklung ausgewirkt hat. Dies zeigt sich vor allem darin, dass die normaler Weise langsam ablaufende Sukzession zu Einheiten höherer Salzwiesenzonen durch den verringerten Salzwassereinfluss deutlich beschleunigt wurde. Da die Salzwiesenbereiche im Ostteil des Sommerpolders von Natur aus etwas höher liegen, kann für die Profilstellen des östlichen Bereiches eine solch beschleunigter Ablauf der Sukzession nur für deichnahe Standorte nachvollzogen werden. Deichferne Bereiche weisen sogar eine kontinuierliche Entwicklung auf.

Literatur:

Barkowski, J. (2003): Vegetationskundliche und paläoökologische Untersuchungen im Sommerpolder auf Langeoog – Westteil. - unveröffentlichte Diplomarbeit, Institut für Geobotanik, Universität Hannover, 123 S.

Freund, H., J. Petersen & R. Pott (2002): Investigations on recent and subfossil salt marsh vegetation of the East Frisian barrier islands in the southern North Sea (Germany). - Phytocoenologia 33 (2-3): 349-375.

Steffens, M. (2003): Vegetationskundliche und paläoökologische Untersuchungen im Sommerpolder auf Langeoog – Ostteil. - unveröffentlichte Diplomarbeit, Institut für Geobotanik, Universität Hannover, 123 S.

Kontakt: holger.freund@icbm.de