H. Cypionkas (ICBM) Tips zum Abfassen wissenschaftlicher Texte

H. Cypionka;Version 16.1.98

 

Hier gibts das ganze als Word-doc

• Kein Text ohne Namen, Überschrift und Datum!

• Immer das Wichtigste zuerst! Protokolle, Diplom- und Doktorarbeiten werden selten wie ein Erlebnisaufsatz aufgebaut. Also: Randbedingungen, Ausnahmen etc. nach der Hauptsache nennen.

• Je kürzer desto besser. Klarheit geht über Vollständigkeit. Eine der besten Möglichkeiten, unklare Stellen zu verbessern ist WEGLASSEN.

• Ich empfehle, sich beim Schreiben stets eine/n imaginäre/n Leser/in vorzustellen, für deren/dessen Kenntnisstand man schreibt.

• Eine Zahl, und vor allem Tabellen oder Abbildungen sind kein Ergebnis. Ein Ergebnis ist immer ein Satz (Aussage). Also nicht nur "Ergebnisse siehe Tabelle 1" , sondern: "Die Trübung nahm mit der Zeit zu (Tab. 1)."

• Keinen Platz verschwenden durch Aussagen wie: "Die Akkumulation von Sulfat wurde sowohl bei sulfatlimitiert gezogenen als auch bei H2-limitiert gezogenen Zellen gemessen (Tab. 1)." Stattdessen besser das Ergebnis nennen: "Sulfatlimitiert gezogene Zellen akkumulierten mehr Sulfat als H2-limitiert gewachsene (Tab. 1)". Der/die Leser/in weiß dann beim Betrachten der Tabelle bereits, worauf es ankommt.

• Nach der Logik und nicht nach der Zeit gliedern (nicht "Danach wurde..." sondern "Da sich gezeigt hatte, daß..., wurde...").

• Eine Sache oder einen Sachverhalt mit einem Begriff benennen, auch wenn sich dieser wiederholt! (Häufiges "wurde" stört nicht und ist besser als "man gab", "ich habe")

• Ergebnisse (PROTOKOLL) in der Vergangenheit, im Präsenz werden allgemeingültige Aussagen gemacht und Schlußfolgerungen gezogen. "Der Proteingehalt nahm zu. Daraus wurde geschlossen, daß die Zellen das Substrat xy verwerten können."

• Negativ-Befunde haben keine Beweiskraft (Falsch: "Die Zellen konnten nicht mit Nitrat wachsen". Richtig: "Sie wuchsen nicht mit Nitrat"!

• Positiv denken: "... bedarf der weiteren Untersuchung" ist oft besser als "... ist unklar"

• Abbildungen erhalten eine Legende, Tabellen eine Überschrift.

• Zahlen im Text nur, wenn der/die Leser/in sie sich merken soll. Abbildungen und

Tabellen müssen jedoch die genauen Versuchsbedingungen und Kontrollen enthalten.

• Zahlen bis zwanzig, die nicht gebrochen werden, ausschreiben ("siebzehn Stämme", "3 ml", "neun Tage", "22 Tage").

• Zahl und Einheit durch ein ("geschütztes") Leerzeichen trennen.

• Ich empfehle, auch in deutschen Textes "." statt "," in Zahlen mit Komma. Die Unterscheidung bleibt einfach, da nach dem Satzzeichen stets ein Leerzeichen folgt. Noch besser: ohne Komma! ("40, 75 und 90" kann man sich sehr viel leichter merken als "41.7, 73.9 und 89.35"; kaum zu lesen ist "41,7, 73,9, 89,35...").

• In deutschen Arbeiten DEUTSCH schreiben ("Aufschlämmung" statt "Slurry", "Schwellenwert" statt "Threshold"...) wo englische Begriff eingefügt werden müssen, setzt sie kursiv - so kann man sie als solche erkennen ("Die Annealing-Temperatur ..."). Anders als im Englischen müssen im Deutschen mehrere Hauptwörter (und Abkürzungen + Hauptwort) durch Bindestriche verbunden werden ("PCR-Amplifikation").

• In englischen Texten möglichst nicht trennen.

• Abkürzungen möglichst vermeiden (außer Standard-Abkürzungen wie ATP, NAD, min etc.). Gegebenenfalls genau definieren und nicht wie ein Substantiv verwenden ("Stamm CSN" statt "CSN").

• Der Inhalt von Überschriften muß im Text wiederholt werden (also nicht: "3.1 Sulfattransport" [Absatz] "Dieser wurde ..." sondern "Der Sulfattransport wurde...").

• Vor einer Überschrift zwei, danach eine Leerzeile.

• Ganze Sätze schreiben (nicht Fragmente wie diesem Text).

• Komparative stets mit "als"! ("Nach Anzucht bei Sulfatlimitierung akkumulierten die Zellen mehr Sulfat (?? als??)" oder aber "... zeigten eine erhöhte Sulfataufnahme").

• "Bestimmt" ("jeweilig" u.ä.) ist meistens unbestimmt! "Aus den Ansätzen wurden jeweils bestimmte Mengen entnommen"!?

• Verben sind leichter verständlich als Substantive: "Die Thionatbildung fand bei Desulfobulbus nur bei Sulfatüberschuß statt". Besser: "Desulfobulbus bildete Thionate nur, solange ausreichend Sulfat vorhanden war."

• Nicht zehn verschiedene Schriftattribute, die heute jedes Textverarbeitungsystem hergibt, gleichzeitig einsetzen. Am besten verwendet man nur eine Schrift, vielleicht in zwei Größen und wo nötig, fett oder kursiv - mehr ist Spielerei.

( Gattungs- und Artnamen kursiv oder unterstrichen (in Manuskripten, die zur Publikation eingereicht werden sollen, unterstreichen)

( Absätze (evtl. außer dem dem ersten nach einer Überschrift) in der ersten Zeile einrücken ist besser als eine Leerzeile einzufügen, die das Layout aufreißt. Blocksatz beweist zwar, daß man einen Computer hat (zumindest eine elektronische Schreibmaschine) macht den Text aber nicht unbedingt besser lesbar, da das Auge am rechten Rand wenige Anhaltspunkte findet.

• Nicht mehr als drei Komponenten zu einem Wort ohne Bindestrich zusammenfassen (‘Chromatographiesäulenregenerierungseinheit’?).

• Nicht Formeln und Namen mischen (Na2SO4 oder Natriumsulfat statt Na2-Sulfat).

( Morphologie ist die wissenschaftliche Betrachtung von Formen. Sie kann nicht oval sein.

• "Vollkommen" ist Gott, "vollständig" oder "völlig" ist meistens treffender.

 

 

Tips für die Diplom- und Doktorarbeit

• Gliederung

Treibt das Zahlenspiel nicht zu weit! Niemand hat Lust zu lernen, was Abschnitt 3.2.4.3 ist. Normalerweise reichen eine, höchstens zwei Stufen der Gliederung. Eventuell kann man in die Kopfzeile "Einleitung", "Material und Methoden" usw. schreiben.

• Abkürzungen

Vermeidet Abkürzungen, wo sie nicht andauernd benötigt werden und nicht zu umgehen sind. "sulfatreduzierende Bakterien" oder "Sulfatreduzierer" liest sich leichter als "SRB". (In Zeitungen werdet ihr sogar kaum "%" sondern fast immer "Prozent" lesen.) Gebt ein Verzeichnis der Abkürzungen am Anfang der Arbeit - aber bitte nicht Einheiten wie "µM, °C" oder "ca., etc.". Erklärt Abkürzungen eventuell noch einmal (bzw. schreibt sie aus), wo sie zum ersten Mal auftauchen (z.B. DGGE, aber wohl nicht ATP).

• Einleitung

Die Einleitung soll den Lesern den Hintergrund vermitteln, der für das Verständnis der bearbeiteten Fragen nötig ist. Sie stellt den Stand der Forschung kurz, aber unter Einbeziehung der Literatur im Umfeld da. Denkt dabei nicht an die Betreuer, sondern an gebildete, aber nicht speziell auf eurem Gebiet erfahrene Leser. Zeigt, daß ihr die eigene Arbeit in einen Zusammenhang stellen könnt. Die in der Arbeit bearbeiteten Fragen sollten mit Hinblick auf die später zu gewonnenen Ergebnisse und die in der Diskussion gezogenen Schlüsse aufgeworfen werden. Deswegen ist zu empfehlen, die Einleitung erst am Schluß zu schreiben.

• Methoden

Bitte denkt beim Methodenteil an nach euch kommende in derselben Arbeitsgruppe. Schreibt die Methoden so genau auf, wie ihr sie euch beschrieben gewünscht hättet, als ihr mit neuen Sachen anfangen mußtet. Wichtig sind besonders die Methoden, die ihr neu entwickelt habt! Vieles davon kann so genau nicht publiziert werden. Standardmethoden kann man zitieren (etwa die Medien oder Methoden aus dem F-Praktikumskript). Beschreibt Methoden aber dennoch allgemein, also nicht "Es wurden sieben Versuche mit Stamm A und zwei mit Stamm B angesetzt." [diese Einzelheiten werden in Tabellen im Ergebnisteil sichtbar, wenn sie relevant sind], sondern "Frisch geerntete Zellen [egal, welcher Stamm und welche Anzuchtbedingungen und für welchen Versuch] wurden durch Ultraschall aufgeschlossen. Dazu wurden 3 ml einer Suspensionen mit x mg Protein pro ml in N2-begastem Puffer in einem eisgekühlten Reagenzglas im Abstand von 1 Minute drei Mal für 20 Sekunden beschallt (Ultraschallgerät x, Sonde y, Einstellung z). Der erfolgreiche Aufschluß war an einer deutlichen Trübungsabnahme der Suspension erkennbar."

• Ergebnisteil

Einzelne Kapitel des Ergebnisteils kann man durch ein oder zwei Sätze einleiten, um das Vorgehen verständlich zu machen (wo nötig). Geht dabei aber nicht zeitlich ("Danach wurde ...") sondern kausal und final vor: "Da sich gezeigt hatte, ... wurde" oder "Um zu überprüfen, ob ... ". Schreibt aber auch hier nicht in den Text "wurden 25 Ansätze mit 10, 15 und 20 mM Lactat sowohl bei 20 als auch bei 30°C im Licht und im Dunkeln inkubiert." sondern "wurde geprüft, wie die Aktivität auf Änderungen der Lactatkonzentration, der Temperatur und des Lichtangebots reagiert. Dabei zeigte sich lediglich eine Abhängigkeit von Licht (Tab. 1)." Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse ist bereits im Ergebnisteil erlaubt ("Es war damit nachgewiesen, daß es sich um einen mikrobiellen Prozeß handelt."), aber keine vergleichende Diskussion.

 

• Tabellen

Das erste Wort in jeder Spalte wird groß geschrieben. Der Methodenteil muß nicht wiederholt werden. Die technischen Daten sollten aber zusammen mit dem Methodenteil vollständig sein. Dazu nötige Details werden in Fußnoten angegeben.

• Abbildungen

Achtet bei der Legende unter Abbildungen darauf, daß das Wesentliche klar wird und die technischen Details wie bei Tabellen nachvollziehbar sind. (Was war denn in dem "Kontrollansatz"?)

• Diskussion

In der Diskussion sollten eure Ergebnisse in der Zusammenschau bewertet werden. Nicht alle Ergebnisse müssen hier wiederholt werden. In einem zweiten Teil wird aber auch ein Blick unter dem Topfdeckel hervor erwartet. Welche (weltbewegenden) Fortschritte und neuen Aspekte hat die eigene Arbeit im Vergleich zu dem aus der Literatur Bekannten gebracht? Ein letzter Teil könnte Perspektiven geben, wie es weitergehen sollte...

• Zusammenfassung

Die Zusammenfassung dient dazu, einen schnellen Überblick zu geben, was in der Arbeit gemacht wurde und was wesentliche Ergebnisse sind. Sie sollte möglichst - wie bei einer Publikation - nicht mehr als eine Seite umfassen. Jedoch sollten die Art der eingesetzten Methoden, Organismen und wesentliche Daten enthalten sein; auch Schlußfolgerungen, jedoch keine komplizierte Argumentation und keine Zitate.

• Literaturverzeichnis

Achtet darauf, alle Zitate korrekt wiederzugeben. Das läßt sich heute leicht machen und vom Leser leicht überprüfen. Es nützt aber nichts, im Text viele Zitate aufzulisten, ohne auf den Inhalt der Arbeiten Bezug zu nehmen.

• Abschreiben

Schreibt ab bei den sehr guten Arbeiten! Schaut euch an: was steht in welchem Teil. Welche Art von Informationen ist wo enthalten? Wie ist etwas formuliert...

• Achtet auf saubere Gedankenführung in jedem Satz! Bei ungelenken Sätzen bedenken: Weglassen und Vereinfachen sind die effektivsten Methoden, einen Text zu verbessern. Verben sind besser verständlich als Substantiv, zwei kurze Sätze oft besser als ein langer.

• Überprüft die Rechtschreibung, etwa durch Auflisten und Betrachten aller benutzten Wörter mit Hilfe des digitalen Knechtes. (Dazu kann ich das Programm WLIST.EXE zur Verfügung stellen, das alle Wörter eines im ASCII-Format gespeicherten Textes alphabetisch auflistet, und Fehlschreibungen auffällig macht.) Eine automatische Rechtschreibungskontrolle in Textverarbeitungs-Programmen kennt dagegen viele eurer Wörter wahrscheinlich nicht.